Pressestimmen
Gereifter Pianist eröffnete Saison

Gevelsberg. Langjährige Besucher der Meisterkonzerte und der Kammerkonzerte in Verbindung mit der Jahreshauptversammlung der Konzertgesellschaft Gevelsberg konnten sich Donnerstag Abend auf Schloss Martfeld in Schwelm auf ein Wiedersehen freuen.

22 Jahre, nachdem der Hagener Konzertpianist und Kammermusikbegleiter Markus Schlemmer den ersten Abend der Martfeld-Konzerte gestaltete, kehrte der 43-jährige Wahlberliner an seinen damaligen "Tatort" zurück. Hier konnte man so anstelle der üblichen staunenswerten Fingerfertigkeit gut trainierter Wunderkinder und Nachwuchstalente einen reifen Interpreten begutachten.

Das wehmütige Adagio- Intro der "Les adieux"-Klaviersonate op. 81a von Beethoven strahlte eher verhalten-intime, ohne weinerliche Sentimentalität befrachtete Abschiedsstimmung aus, während der Allegro-Sonatenhauptsatz mit zupackendem Elan gespielt wurde, jedoch ohne knalliges Auftrumpfen eher die differenzierten Zwischentöne und innehaltenden Ruhepunkte suchte.

Mit gesanglichem Gestus und Gespür für unterschwellige innere Dramatik gestaltete Markus Schlemmer den langsamen Andante-Mittelteil, während das übersprudelnde Finale mit brillanter Geläufigkeit und festlichem Glanz dem von Beethoven vorgesehenen programmatischen Hintergrund (Abreise, Abwesenheit und schließlich Freude über die Wiederkehr eines geliebten Freundes) voll und ganz gerecht wurde.

Der innere Konflikt zwischen zwei Charakteren - dem aufbrausenden "Sturm und Drang"-Temperament einerseits und verhangener Melancholie und inniger Lyrik andererseits - welcher sich wie ein roter Faden durch die Charakterstudien der großen Klavierzyklen Robert Schumanns zieht, spiegelt sich auch im c-moll-Scherzo op. 14 seiner kompositorisch nicht minder kreativen Gattin Clara. So stellte Markus Schlemmer den rauschhaft-virtuosen Läufen und Passagen das nachdenkliche, ariose Seitenthema gegenüber.

Seine Erfahrung als Liedbegleiter und Kammermusikpartner im Hinblick auf kantable Tongestaltung und melodische Phrasierung kam Schlemmer bei sechs Bearbeitungen von Liedern von Frederic Chopin für Klavier solo von Franz Liszt zugute.

Neben dem mit rhythmischem Raffinement und agogischem Gespür für die metrischen Feinheiten des polnischen "Mazurka"-Rhythmus vorgetragenen "Mädchens Wunsch" und der derben Lebenslust des "Bacchanal"-Trinkliedes wurden die gesanglichen, ausladenden Melodiebögen des "Frühlings" sowie des Nocturne "meine Freuden" mit nobler Anschlagskultur ausgekostet.

Seine enormen manuellen Kraftreserven demonstrierte Schlemmer dann in den wirbelsturmartig auf- und abbrausenden Passagen der linken Hand in "Die Heimkehr" - eine ungarisch eingefärbte "Revolutionsetüde" vom Feinsten.

In der gewaltigen h-moll- Ballade von Liszt wurde mustergültig vorgeführt, wie mit extremer Virtuosität und gestalterischem Überblick Gefühlsausbrüche, aggressive Anklänge an Marschrhythmen und sanfte Kantilenen mit nahezu harmonischen Farben zu einem schlüssigen formalen Ganzen vereinigt wurden. Mit perlendem Leggiero und energisch zupackender Kraft erklangen als Zugabe die letzten drei Preludes aus op. 28 von Chopin.
(Christoph Clören)
  
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